Kapitel 1 - Blackout


Ich wurde wach und blinzelte vorsichtig.

Einerseits wegen des pulsierenden Schmerzes in meinem Kopf, andererseits wegen des Gefühls einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, in der ich die Hauptrolle spielte.

Da ich - genau wie Johann, mein seliger Großvater väterlicherseits - dazu neigte, öfter einmal ein oder zwei Gläser mehr zu trinken, als mir gut tat, kannte ich das Gefühl, mich in einem Vakuum zu befinden. Ich machte darum meine Annäherungsübung.

Damit hatte ich es in der Vergangenheit bisher noch jedes Mal geschafft, meine mit Wein ertränkte Orientierung wiederzuerlangen. Ich begann mit der Kernfrage: »Wer bin ich?«

Die Antwort stellte sich prompt ein: Jana Gerber, ledig, Malerin.

Ich kniff meine Augen noch ein wenig stärker zusammen, um Uhrzeit und Datum auf dem Wecker lesen zu können. Es war genau 13.30 Uhr – genau ein Tag vor meinem dreißigsten Geburtstag. Erleichtert atmete ich kurz auf.

Immerhin kein kompletter Gedächtnisverlust!

Der Schmerz lauerte bohrend hinter meinen Augäpfeln und machte es schwer, mehr als die Umrisse des Raumes, in dem ich mich befand, zu erkennen.

Dennoch versuchte ich, mir darüber klarzuwerden, wo ich mich in diesem Augenblick befand.

Ich sah mich langsam um.

Die Holzvertäfelung an Decke und Wänden kam mir bekannt vor - ebenso das Bett, in dem ich lag.

Offensichtlich befand ich mich im Schlafzimmer des hübschen, kleinen Friesenhauses mit den grün gestrichenen Sprossenfenstern und großartigem Meerblick von der Terrasse aus, das ich mir vor einigen Jahren gekauft hatte. Und das noch lange nicht abbezahlt war und darum zum größten Teil immer noch der Bank gehörte!

Reich war ich nämlich nicht - auch das war mir wieder klar.

Dennoch schloss ich beruhigt erneut die Augen. Ich wusste jetzt immerhin wieder, wer ich und wo ich war. So schlimm, wie es sich anfühlte, konnte die Situation also nicht sein.

Warum hatte ich bloß so viel getrunken?

Ich dachte eine Weile über diese Frage nach, kam aber zu keinem schlüssigen Ergebnis. Dann schoss mir etwas durch den Kopf: Ich musste aufstehen!

Da war eine sehr vage Erinnerung daran, dass ich von einem Galeristen gebeten worden war, möglichst schnell weitere Bilder für eine Ausstellung zu liefern. Über seine Galerie war bereits eines meiner Bilder verkauft worden und ich hatte in meinem Atelier gerade erst ein zweites Bild für die Galerie beendet ...

Verflixt noch einmal, warum hatte ich bloß so viel Grauburgunder in mich hineingeschüttet?

Und warum wusste ich noch, womit ich mich so abgeschossen hatte, nicht aber, an welchem Bild ich gerade arbeitete?

Irgendwann schoss mir eine andere Erinnerung durch den Kopf.

Kaffee, und zwar heiß, stark, schwarz!

Ich öffnete meine Augen erneut und quälte mich in eine halbaufrechte Position.

Dann wagte ich den nächsten Schritt, obwohl sich der Raum in keinem statischen Zustand zu befinden schien. Irgendwie war alles verschwommen und zudem in ständiger Bewegung.

Himmel, war mir schlecht!

Ich hievte meine Beine aus dem Bett und stand auf, wobei ich mich vorsichtshalber an den geschnitzten Eichenpfosten festhielt.

Mir fiel ein, dass dieses Bett eines der wenigen Erbstücke meiner verstorbenen Großeltern mütterlicherseits war - ebenso wie der dazu passende riesige Kleiderschrank.

Meine Schwester hatte dafür den mit diversen Jagdmotiven verzierten Rosenholzschrank für ihr Wohnzimmer bekommen.

Genau, meine fünf Jahre jüngere Schwester Margret. Körber?

Richtig! Meine einzige Schwester hatte vor sieben Jahren Kurt Körber geheiratet und war bereits zum dritten Mal schwanger.

Die Annäherungsübung verlief einigermaßen erfolgreich, auch wenn mein Gedächtnis an diesem Morgen besonders schwerfällig zu sein schien.

Mir fiel ein, dass ich Kaffee trinken wollte.

Ich ließ also den Bettpfosten los, an den ich mich geklammert hatte, und drehte mich um, um das zerknüllte Bettzeug wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen und um die Zudecke aufzuschlagen.

Durch die halb heruntergelassenen Rollläden drang gedämpftes Licht.

Ich richtete die hellblau-karierte Bettwäsche im Zeitlupentempo her und fühlte währenddessen eine ständig zunehmende Angst, dass der bleierne Klumpen in meinem Kopf mich jählings mein mühsam erzwungenes Gleichgewicht verlieren lassen könnte.

Augenscheinlich hatte ich eine ganz besonders unruhige Nacht hinter mir, denn sonst benutzte ich immer nur die linke Seite des Bettes, aber in der vergangenen Nacht hatte ich mich wohl bis zur rechten Seite durchgeschlagen.

Ich ging ganz langsam um das Bett herum.

Als ich die Zudecke auf der anderen Seite zurückzog, kamen zuerst wundervolle, dunkle Locken zum Vorschein und schließlich ein kompletter Mann!

Er lag auf dem Bauch und war vollständig nackt.

Himmel, wer war das denn? Und wo hatte ich den aufgegabelt?

Erschrocken taumelte ich zwei Schritte zurück.

Dann schlich ich mich wieder an ihn heran und drehte seinen Kopf, den er ganz tief im Kissen vergraben hatte, ein wenig auf die Seite, so dass ich sein Gesicht betrachten konnte.

Das war ja ...

Was machte der denn hier? In meinem Bett?

In diesem Moment drehte er sich wieder in seine ursprüngliche Position und presste das Gesicht ins Kissen.

Ich hielt es nicht mehr aus. »He!« Ich rüttelte sanft an seiner Schulter. »Was machst du hier? In meinem Bett?«

»Wo sollte ich denn deiner Meinung nach sonst sein!«, nuschelte er verschlafen. »Schließlich haben wir beide gestern Nacht geheiratet! Erzähl mir jetzt nicht, du hast das schon wieder vergessen! So betrunken warst du doch nun auch nicht ...«

Geheiratet? Ich? Ihn?

Das konnte und durfte nicht wahr sein!

Mir wurde schwarz vor Augen, allerdings nur für einen Moment. Dann schüttelte ich meinen Kopf. Der Mann in meinem Bett war zwar kein mir Unbekannter, aber er war mit Sicherheit nicht mein Mann!

Das konnte gar nicht sein.

Ich war doch nicht so bescheuert und heiratete einen Mann, den ich noch nicht einmal ein halbes Jahr kannte und mit dem ich in einer Geschäftsbeziehung stand!

Selbst unter massivem Alkoholeinfluss nicht.

Beruf und Privatleben hatte ich immer strikt getrennt gehalten - bis auf eine Ausnahme, aber das war schon lange vorbei und so etwas würde mir bestimmt nie wieder passieren.

Von Heirat konnte also überhaupt keine Rede sein.

Allenfalls bei ... Aber das war wieder ein ganz anderes Kapitel, wie mir in diesem Moment einfiel.

Scheißkerle!

Mit Männern gab es früher oder später doch bloß Ärger - es war besser, sie nicht allzu nahe an sich heranzulassen. Das schloss selbstverständlich auch eine Hochzeit aus!

Das Einzige, was ich mit Eheschließung zu tun hatte, war der Titel des Bildes, an dem ich zuletzt gearbeitet hatte: Thetis Hochzeit, wie ich mich soeben wieder erinnerte.

Das war doch bloß wieder einer von seinen Sprüchen, mit denen er die Leute so gerne an der Nase herumführte.

Ich erinnerte mich an sein Motto: Frech gelogen ist bereits halb wahr! Er war zwar süß, aber auch ein Spinner.

Lächelnd betrachtete ich ihn. Nein, nein, mein Lieber - mich legst du nicht herein!

Na gut, aus irgendeinem Grund hatte er bei mir im Haus übernachtet.

Aber das hieß doch überhaupt nichts, jedenfalls nicht bei mir!

So betrunken, wie ich in der vergangenen Nacht anscheinend gewesen war, konnte gar nichts passiert sein!

Sollte er also ruhig noch ein wenig schlafen, wenn er schon in meinem Bett lag - das machte keinen Unterschied mehr ...

Ich ging in die Küche und goss mir einen starken Kaffee auf. Nach ein paar Schlucken ging es mir wieder etwas besser und das Chaos in meinem Kopf lichtete sich.

Schlechten Gewissens dachte ich an die Arbeit, die auf mich wartete, denn so, wie ich mich fühlte, würde ich an diesem Tag kaum in der Lage sein zu malen. Auf dem Weg zur Küche hatte ich kurz ins Atelier schauen wollen, aber im nächsten Moment wieder den Rückzug angetreten, weil mein Magen wegen des intensiven Farbgeruches zu rebellieren begann.

Das Atelier war früher eine Tischlerwerkstatt gewesen.

Es war der größte und schönste der insgesamt vier Räume meines Hauses, geräumig und lichtdurchflutet und es war einer der Gründe gewesen, weswegen ich mich für dieses Haus entschieden hatte. Abgesehen von dem dazugehörigen herrlichen, verwilderten Garten ...

Erinnerungsfetzen schossen durch meinen Kopf und fielen über mich her wie ein wilder Mückenschwarm in einer lauen Sommernacht.

Ich versuchte, die Gedankensplitter zu ordnen und zu begreifen - beides ohne allzu großen Erfolg.

Es war zu viel auf einmal - alles war so irreal ...

Ich goss mir einen zweiten Kaffee auf und holte den Beutel mit den Brötchen herein, die der Bäckerlehrling jeden Morgen an die Klinke der Eingangstür hängte. Noch einen genüsslichen Schluck Kaffee und einige Bissen Mohnbrötchen mit Butter.

Und dann passierte es!

Plötzlich liefen einige Ereignisse der letzten Wochen wie ein Film vor meinen Augen ab.

Mir wurde erneut schlecht - diesmal ernsthaft.

Ich rannte gerade noch rechtzeitig mit vorgehaltener Hand ins Bad und übergab mich. Während ich die Kloschüssel umarmte, wurde mir alles klar.

Jetzt wusste ich, was passiert war!

Ich wusch mir das Gesicht und ließ dann etwa zehn Minuten lang eiskaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Während ich mir die Zähne putzte, beruhigte ich mich ein wenig.

Aber es war noch lange keine Lösung in Sicht, ich wusste nur, was geschehen war.

Aber weder, was ich von der Situation halten sollte, noch wie es jetzt weiterging.

Was sollte ich tun? Was konnte ich denn noch tun?

Warum war es überhaupt so weit gekommen?

Hatte ich das etwa wirklich gewollt? Oder hatte ich den schwerwiegendsten Fehler meines Lebens begangen?

Ich wusste nur, dass ich in Ruhe darüber nachdenken musste!

Ich ging in die Küche zurück und genehmigte mir zwei Aspirin. Dann schnappte ich mir zwei Flaschen Mineralwasser, eine dicke Wolldecke sowie eine Taschenlampe und schlich mich in den Vorratskeller.

Leise schloss ich die hölzerne Einstiegsluke und verriegelte sie von innen. Ich suchte zwischen den mit Konserven vollgestopften Regalen und der Kartoffelkiste nach einem halbwegs bequemen Platz. Vorsichtig schob ich ein paar der Kisten mit Erinnerungsstücken beiseite.

Darin waren all die Sachen, die ich irgendwann einmal in meinem Leben gesammelt hatte - Briefmarkenalben, Spielzeug aus Kindertagen und dergleichen.

Meine Familie behauptete, ich hätte eine Art Eichhörnchen-Syndrom, weil ich alles Mögliche und Unmögliche aufbewahrte. Ich konnte mich einfach nicht von all meinen schönen Sachen trennen. Immer dachte ich, ich könne das eine oder andere noch einmal gebrauchen - alles schien wichtig zu sein, alles schien eine Bedeutung zu haben. Das galt insbesondere für Bücher - ich habe nie auch nur ein einziges weggegeben!

Nachdem ich mich einigermaßen eingerichtet hatte, öffnete ich eine Mineralwasserflasche und trank sie halb leer.

Ich breitete die Decke aus, legte mich hin und schloss meine Augen. Und dieses Mal liefen sämtliche Ereignisse der letzten Wochen wie ein Film in meinem Kopf ab ...