DER MANN AM STROM


Täglich war sie in den vergangenen zwei Jahren stets um dieselbe Nachmittagszeit auf den Balkon ihres Hauses gegangen und hatte vergeblich nach jenem Mann Ausschau gehalten.

Sie erinnerte sich gut: An einem Tag im frühen November, ganz so wie der heutige, war es gewesen, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ein dicker milchiger Nebel hatte sich damals in der Nacht zuvor über dem Strom festgesetzt und war dann über die weite Marschlandschaft jenseits des breiten Flusses gekrochen. Auch diesseits des Stromes, am hohen Ufer, dort, wo ihr Haus inmitten hoher Pappeln stand, hatten sich Häuser, Bäume und schließlich die ganze Ortschaft in Nebelgeister verwandelt. Vom Fluß her drang die ganze Nacht und den folgenden Tag über das vielstimmige Konzert der Schiffshörner - dröhnende Typhone, heiseres Fauchen, aufgeregtes Läuten, vorlautes Trompeten. Hin und wieder, wenn Schiffe auf der Höhe ihres Hauses unsichtbar vorbeizogen, rauschten grüne, rote und gelbe Positionslichter durch den dichten Dunst.

Am späten Vormittag hatte sich oberhalb des weißen Meeres offenbar eine blasse Spätherbstsonne durchgesetzt, denn der Nebel hatte einen lichten silbrigen Schimmer angenommen, ja, fast hatte es geschienen, als würde er durchsichtig werden. Doch dann, schon am frühen Nachmittag, versank die Flusslandschaft wieder in undurchdringlichem Weiß. Und dann war er gekommen, wie täglich um dieselbe Zeit.

Sie war, wie jeden Tag, auf den Balkon ihres Hauses gegangen und hatte zu der Stelle geblickt, wo der Uferweg scharf abbiegt und zur Ortschaft hinaufführt. Schemenhaft war er an dieser Biegung erschienen, in seinem dunklen Mantel und dem schwarzen breitkrempigen Hut, hatte sich aus dem Nebel gelöst und war wie jeden Tag langsam unter ihrem Haus vorbeigegangen. Dann verschluckte ihn der weiße Dunst. Es war das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte.

*

In jenem Jahr war er irgendwann im April zum ersten Mal aufgetaucht. Ein windiger klarer Frühlingstag gab die Sicht frei bis zum Horizont, auf die endlosen Wiesen, durchsetzt von kleinen Baumgruppen aus Weiden und Pappeln und durchzogen von Gräben und Zäunen, darüber die Überlandleitungen, die wie riesige Sprungseile an den kreuzförmigen und hoch aufragenden Stahlmasten hingen. Der steife Wind stand gegen die ablaufende Strömung des Flusses und warf kleine Schaumkronen auf. Auf dem weißen Teppich dieser Schaumkronen leuchteten weithin die grünen und roten Fahrwassertonnen.